Karlsruher Institut für
Wirschaftforschung
KIWIFO
Wahlprogramme zur Landtagswahl Baden-Württemberg am 08.03.2026
19.01.2026
Die bevorstehende Landtagswahl hat uns veranlasst zu untersuchen, ob die Parteien das politische Ziel von Ludwig Erhard von
der „breitgeschichteten Massenkaufkraft“ noch kennen.
Diskutieren Sie mit uns auf:
In Anbetracht der bevorstehenden Landtagswahl in Baden-Württemberg am 8. März 2026 haben wir die Wahlprogramme einiger relevanter Parteien,
nämlich die der CDU, der SPD und der AfD, unter dem Aspekt des Postulats von Ludwig Erhard der „breitgeschichteten Massenkaufkraft“ näher unter-
sucht. Wir haben gefragt: Welches der untersuchten Wahlprogramme fördert das politische Ziel der „breitgeschichteten Massenkaufkraft“ und welches
wirkt dem entgegen? Eine breitgeschichtete Massenkaufkraft bedeutet, dass der existierende Geldfluss sich möglichst breit über die gesamte Bevölke-
rung des Landes verteilt und sich nicht – wie zunehmend seit Jahrzehnten – immer weiter bei einer kleinen Anzahl von Bürgern konzentriert und
regelrecht aufstaut, während (logischerweise) gleichzeitig die breite Bevölkerung immer weniger an dem Geldfluss partizipiert. Dieser kranke Geldfluss
– wir nennen ihn anschaulich auch „Nil in der Wüste“ – ist seit Jahrzehnten die Hauptursache für unsere schwache Volkswirtschaft, für zahllose Insol-
venzen, für Massenarbeitslosigkeit, für das Aufblähen des Sozialstaats, für Rentenprobleme und Altersarmut, ja für die wachsende Armut und
Verdummung der Bevölkerung überhaupt.
CDU
Das Wahlprogramm der CDU ist unter https://www.cdu-bw.de/regierungsprogramm/ veröffentlicht. Das Wahlprogramm überschreibt das erste von
insgesamt sechs Kapiteln mit „Wohlstandsland Baden-Württemberg“. Man könnte sich an Ludwig Erhards Buch „Wohlstand für alle“ erinnert fühlen.
Umso spannender wird es daher sein, dieses Wahlprogramm an unserer eingangs vorgestellten Frage nach der „breitgeschichteten Massenkaufkraft“
zu messen. Das erste Unterkapitel mit dem Titel „Wirtschaftsland“ enthält indes keine Gesichtspunkte, die denklogischerweise zu einer breitgeschich-
teten Massenkaufkraft, d. h. zu einer Verbreiterung des Geldflusses hin zu einer „breitgeschichteten Massenkaufkraft“ führen würden. Das
„Wirtschaftsland“ wird in dem Kapitel des Wahlprogramms der CDU nicht volkswirtschaftlich, d. h. im Sinne einer Wirtschaft des gesamten Volkes,
betrachtet, sondern im Sinne der Privatwirtschaft bzw. einer der privaten Unternehmer. Auch die weiteren Unterkapitel des Kapitels „Wohlstandsland
Baden-Württemberg“ enthalten nichts, was das (seit dem Ende des Wirtschaftswunders von Ludwig Erhard) stetige Wachsen der Kluft zwischen Arm
und Reich stoppen oder gar umkehren könnte. Im zweiten Kapitel des Wahlprogramms der CDU mit dem Titel „Familienland Baden-Württemberg“
wird im Unterkapitel „Bau- und Wohnland“ den Bürgern für den ersten Kauf von Wohneigentum eine Prämie in Höhe von 10.000 € sowie weiteren
5000 € für jedes Kind sowie die Senkung der Grunderwerbsteuer von derzeit 5,0 % auf 3,5 % des Kaufpreises versprochen. Bei einem steuerpflichtigen
Kaufpreis in Höhe von 500.000 € wäre das eine Steuerersparnis in Höhe von 7500 € zuzüglich der Prämien von 10.000 € (und eventueller Prämien für
ein oder mehrere Kinder). Angesichts der aktuell existierenden Geldmenge in Höhe von über 100.000 € pro Haushalt (siehe unsere Newsletter) ist
dieser Gesichtspunkt des Wahlprogramms eigentlich nicht einmal der Erwähnung wert, zumal diese Wahlgeschenke doch wieder von den Bürgern
gegenfinanziert werden müssen. Auch die weiteren Kapitel des Wahlprogramms lassen keine Hoffnung für eine „breitgeschichtete Massenkaufkraft“ in
der Zukunft von Baden-Württemberg aufkommen. Im Großen und Ganzen enthält das Wahlprogramm der CDU – jedenfalls wenn wir es mit der
volkswirtschaftlichen Brille betrachten – dieselben politischen Ziele, die aus den vergangenen Jahrzehnten hinlänglich bekannt sind. Ein Wirtschafts-
wunder wie unter Ludwig Erhard ist nicht zu erwarten, sondern allenfalls ein „Weiter so!“
SPD
Die SPD hat ihr Wahlprogramm unter https://www.spd-bw.de/dl/spd_bw_Wahlprogramm_final.pdf veröffentlicht. Die SPD kündigt in ihrer „Präambel“
an, dass es bei ihrer Politik „um den Menschen“ gehe. Auch danach scheint unsere Eingangsfrage nach Wohlstand für alle bzw. nach einer Politik hin
zu einer „breitgeschichteten Massenkaufkraft“ sehr spannend zu werden. Das erste Kapitel nach der Präambel ist überschrieben mit „Wirtschaft &
Arbeit: weil der Mensch kein Kostenfaktor ist.“ Das Thema Wirtschaft erscheint auch bei der SPD weniger ein volkswirtschaftliches zu sein als vielmehr
als ein Thema von privaten Unternehmen, Gewerkschaften und Arbeitnehmern. Ein Hinweis in diesem Kapitel auf eine neu einzurichtende „Schwer-
punktstaatsanwaltschaft“ für „Straftaten gegen das Betriebsverfassungsgesetz“ wirkt dabei irritierend, denn wie tief muss man gefallen sein, wenn
man glaubt, seine Mitbürger strafrechtlich bedrohen zu müssen. Dass sich der – auch unter der Führung der SPD – entstandene „Nil in der Wüste“
unter den in diesem Kapitel genannten Gesichtspunkten in Zukunft wieder breit über die Bevölkerung verteilen würde, lässt sich mit logischem Den-
ken nicht erkennen. In dem Kapitel des Wahlprogramms der SPD „Weil niemand zurückgelassen werden darf“ heißt es in dem Unterkapitel „soziale
Teilhabe“: „Wir reduzieren die Armut im Land und deren Folgen.“ Diese Aussage darf man wörtlich nehmen, denn es ist angesichts der konkret
genannten Maßnahmen („kostenloses, vom Land finanziertes Mittagessen in Kita und Schule sowie einen Zugang zu Sport-, Musik-, Kultur- und sonsti-
gen Freizeitangeboten“) ist eine Beseitigung der Armut – geschweige denn eine „breitgeschichtete Massenkaufkraft“ – nicht zu erwarten. Im Gegenteil:
Wenn es in der Präambel des Programms heißt, „Ein Land, in dem Chancen nicht vom Geldbeutel abhängen“, scheint der Gedanke Ludwig Erhards von
einer „breitgeschichteten Massenkaufkraft“ für die SPD ein Fremdwort zu sein. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird auch hiernach bis zur Unerträg-
lichkeit für alle wachsen.
AfD
Das Wahlprogramm der AfD ist unter https://afd-bw.de/ veröffentlicht. Es beginnt mit einer „Ersten Hilfe für unser Land“, nämlich einer Liste von neun
Punkten, welche zu Beginn einer von der AfD geführten Landesregierung umgesetzt werden sollen. Neben anderen politischen Themen werden auch
ein paar ökonomische Fragen angesprochen (Energiepreise, Automobilindustrie, Staatsverschuldung sowie ein landeseigener „Investitionsfond“). Ein
Kapitel des Wahlprogramms der AfD trägt den Titel „Wirtschaft- und Sozialpolitik“ und befasst sich im ersten Unterkapitel mit der „Wiederherstellung
der Wettbewerbsfähigkeit“ der Privatwirtschaft, also mit der des privaten Unternehmertums. Genannt werden die Punkte „Entbürokratisierung“,
„Senkung von Energiekosten“, „Digitale Nachfolgeplattform“, „Automobilindustrie retten – Schlüsselindustrie erhalten“ und „Neuausrichtung der
Verkehrsinfrastrukturpolitik“. Die weiteren Unterkapitel betreffen die Themen „Fachkräftemangel“, „Sozialpolitik“ (wobei von der Besteuerung der
Familien und von Altersarmut die Rede ist) und „Arbeitssuchende“. Wie auch bei den schon zuvor behandelten Parteien gewinnt man auch bei der AfD
nicht den Eindruck, dass es bei ihrer Wirtschaftspolitik um die Wirtschaft des Volkes insgesamt ginge, also um die Volkswirtschaft, sondern eher um
die Belange des privaten Unternehmertums. Auch bei der AfD und dem hier vorliegenden Wahlprogramm ist nicht zu erkennen, dass eine Politik zur
Durchsetzung des Erhard‘schen Postulats der „breitgeschichteten Massenkaufkraft“ bzw. eine Politik zur Beseitigung des „Nils in der Wüste“ – und sei
es auch nur zufällig – angestrebt würde.
Resümee
Bei allen drei hier untersuchten Wahlprogrammen für die anstehende Landtagswahl in Baden-Württemberg ist nicht zu erkennen, dass eine Politik zur
Verbesserung des Geldflusses innerhalb der Volkswirtschaft des Landes Baden-Württemberg auch nur entfernt in den Blick genommen worden wäre.
Es bleibt vielmehr bei der seit Jahrzehnten bekannten Fokussierung auf wirtschaftspolitische Fragen rund um das private Unternehmertum. Im Wahl-
programm der CDU ist das Wort „Geld“ (in verschiedenen Wortkombinationen) insgesamt 5-mal zu finden, bei der SPD insgesamt 13-mal und bei der
AfD lediglich 1-mal. Der Verfall der Volkswirtschaft wird zwar von allen Parteien erkannt – wenn auch nicht wie von uns seit dem Ende des
Wirtschaftswunders von Ludwig Erhard, sondern erst in den letzten Monaten und Jahren. Eine kognitive Durchdringung und umfängliche Erfas-
sung des bedrohlichen Problems durch die Parteien ist indes nicht ersichtlich.