Karlsruher Institut für

Wirschaftforschung

KIWIFO

6. Resümee

Wir haben uns in Deutschland seit der Ära Ludwig Erhard von einer breitgeschichteten Massenkaufkraft immer weiter entfernt. Und wir entfernen uns noch immer davon. Wer heutzutage meint, zur Mittelschicht oder gar Oberschicht zu gehören, weil er ein (angeblich) durchschnittliches 31555-63110 Euro Monatseinkommenbeziehungsweise überdurchschnittliches Einkommen hat, ist in Wirklichkeit Mitglied einer “kaufkraftbefreiten” Unterschicht. Nur wenige gehören heute wirklich noch zur Mittel- beziehungsweise Oberschicht. Den Politikern mögen die falschen Informationen über die Mittelschicht und deren Einkommen recht sein, denn dies sorgt für künstliche Zufriedenheit in der Bevölkerung und sichert die eigene Wiederwahl. Aus wirtschaftspolitischer Sicht sind sowohl die Einkommensstatistiken als auch die Einkommensentwicklungen der breiten Bevölkerung eine Katastrophe. Wohlstand für alle ist längst wieder Geschichte und die Konjunktur steht weiter vor dem Absturz. Möglicherweise steht uns deshalb auch wieder eine politische Katastrophe bevor.

1. Einführung

Ludwig Erhard schrieb 1957 zu Beginn seines Buchs „Wohlstand für alle“, dass er als sein wichtigstes politisches Ziel die alte Gesellschaftsstruktur von Arm und Reich beseitigen und eine Gesellschaft mit „breitgeschichteter Massenkaufkraft“ erreichen will. Hier seine bemerkenswerten Ausführungen: „… So wollte ich jeden Zweifel beseitigt wissen, daß ich die Verwirklichung einer Wirtschaftsverfassung anstrebe, die immer weitere und breitere Schichten unseres Volkes zu Wohlstand zu führen vermag. Am Ausgangspunkt stand da der Wunsch, über eine breitgeschichtete Massenkaufkraft die alte konservative soziale Struktur endgültig zu überwinden. Diese überkommene Hierarchie war auf der einen Seite durch eine dünne Oberschicht, welche sich jeden Konsum leisten konnte, wie andererseits durch eine quantitativ sehr breite Unterschicht mit unzureichender Kaufkraft gekenn- zeichnet. Die Neugestaltung unserer Wirt- schaftsordnung musste also die Voraus- setzungen dafür schaffen, daß dieser einer fortschrittlichen Entwicklung entge- genstehende Zustand und damit zugleich auch endlich das Ressentiment zwischen »arm« und »reich« überwunden werden konnten. Ich habe keinerlei Anlaß, weder die materielle noch die sittliche Grundlage meiner Bemühungen mittlerweile zu ver- leugnen. Sie bestimmt heute wie damals mein Denken und Handeln.“ Dass die Kluft zwischen Arm und Reich seit damals nicht verschwunden ist, ist keine Frage. Die Kluft ist seit damals sogar erheblich größer geworden. Dies soll im Folgenden aber nicht weiter thematisiert werden. Hier soll das Thema „breitgeschichtete Massenkaufkraft“ näher vertieft wer- den. Eine von mehreren Besonderheiten des Zitats von Ludwig Erhard ist die Tatsache, dass er nicht von den Einkommen der Bür- ger, sondern von deren Kaufkraft spricht. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man schnell auf die Idee kommen, dass dies doch ein und dasselbe sei. Doch dem ist nicht so. Das eine hängt zwar mit dem anderen zusammen. Aber es gibt feine, jedoch sehr gewichtige Unterschiede, insbesondere wenn man versucht, statistische Daten zu ermitteln. Dies möchten wir nach und nach bei den folgenden Ausführungen mit einfließen lassen. ...
Breitgeschichtete Massenkaufkraft oder: Was heißt hier Mittelschicht? 12.06.2010

 

6. Resümee

Wir haben uns in Deutschland seit der Ära Ludwig Erhard von einer breitgeschichteten Massenkaufkraft immer weiter entfernt. Und wir entfernen uns noch immer davon. Wer heutzutage meint, zur Mittelschicht oder gar Oberschicht zu gehören, weil er ein (angeblich) durch- schnittliches 31555-63110 Euro Monatseinkommenbe- ziehungsweise überdurchschnittliches Einkommen hat, ist in Wirklichkeit Mitglied einer “kaufkraftbefreiten” Unterschicht. Nur wenige gehören heute wirklich noch zur Mittel- beziehungsweise Oberschicht. Den Politikern mögen die falschen Informationen über die Mittelschicht und deren Einkommen recht sein, denn dies sorgt für künstliche Zufriedenheit in der Bevölkerung und sichert die eigene Wiederwahl. Aus wirtschaftspolitischer Sicht sind sowohl die Einkom- mensstatistiken als auch die Einkommensentwicklun- gen der breiten Bevölkerung eine Katastrophe. Wohlstand für alle ist längst wieder Geschichte und die Konjunktur steht weiter vor dem Absturz. Möglicher- weise steht uns deshalb auch wieder eine politische Katastrophe bevor.

1. Einführung

Ludwig Erhard schrieb 1957 zu Beginn seines Buchs „Wohlstand für alle“, dass er als sein wichtigstes politisches Ziel die alte Gesellschafts- struktur von Arm und Reich beseitigen und eine Gesell- schaft mit „breitgeschichteter Massenkaufkraft“ erreichen will. Hier seine bemerkens- werten Ausführungen: „… So wollte ich jeden Zweifel beseitigt wissen, daß ich die Verwirklichung einer Wirtschaftsver- fassung anstrebe, die immer weitere und breitere Schichten unseres Volkes zu Wohl- stand zu führen vermag. Am Ausgangspunkt stand da der Wunsch, über eine breitge- schichtete Massenkaufkraft die alte konser- vative soziale Struktur endgültig zu überwin- den. Diese überkommene Hierarchie war auf der einen Seite durch eine dünne Ober- schicht, welche sich jeden Konsum leisten konnte, wie andererseits durch eine quanti- tativ sehr breite Unterschicht mit unzurei- chender Kaufkraft gekennzeichnet. Die Neugestaltung unserer Wirtschaftsordnung musste also die Voraussetzungen dafür schaffen, daß dieser einer fortschrittlichen Entwicklung entgegenstehende Zustand und damit zugleich auch endlich das Res- sentiment zwischen »arm« und »reich« überwunden werden konnten. Ich habe kei- nerlei Anlaß, weder die materielle noch die sittliche Grundlage meiner Bemühungen mittlerweile zu verleugnen. Sie bestimmt heute wie damals mein Denken und Han- deln.“ Dass die Kluft zwischen Arm und Reich seit damals nicht verschwunden ist, ist keine Frage. Die Kluft ist seit damals sogar erheblich größer geworden. Dies soll im Folgenden aber nicht weiter thematisiert werden. Hier soll das Thema „breitgeschichtete Massenkaufkraft“ näher vertieft werden. Eine von mehreren Besonderheiten des Zitats von Lud- wig Erhard ist die Tatsache, dass er nicht von den Einkommen der Bürger, sondern von deren Kaufkraft spricht. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man schnell auf die Idee kommen, dass dies doch ein und dasselbe sei. Doch dem ist nicht so. Das eine hängt zwar mit dem anderen zusammen. Aber es gibt feine, jedoch sehr gewichtige Unterschiede, insbesondere wenn man versucht, statistische Daten zu ermitteln. Dies möchten wir nach und nach bei den folgenden Ausführungen mit einfließen lassen. ...
Breitgeschichtete Massen- kaufkraft oder: Was heißt hier Mittelschicht? 12.06.2010

 

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